Ulrich Vogl
Der Käscher – Kunst am Bau am Museum Lindwurm
Zum 30-jährigen Jubiläum des Museum Lindwurm am 2. Juli 2023 gab es ein grosses Fest. Und: das erste Kustwerk der Jakob und Emma Windler-Stiftung im öffentlichen Raum in Stein am Rhein vom Künstler Ulrich Vogl wurde eingeweiht.

Ulrich Vogl, Käscher (2023), Schmiedebronze, Edelstahlnetz, Lack, 2,5 x 1,2 x 1,2 m, Museum Lindwurm, Stein am Rhein
Auf dem Hof der Werkstatt von Ralf Priess in Bernau in Brandenburg erhielt der Käscher Teil für Teil sein Aussehen. Gemeinsam mit dem Künstler ging es an die ersten Materialproben. Während der letzten Monate hat der Schmied die Arbeit mit Ulrich Vogl realisiert. Zuerst mussten Probestücke angefertigt werden, um den schwierigen Prozess des Metallziehens und Drehens mit Schmiedebronze vorzubereiten. Nur sehr erfahrene Schmiede beherrschen dieses Handwerk noch. Es erfordert viel Wissen und Können Schmiedebronze in die richtige Form zu biegen. Wie bei einem Seil werden zwei Bronzestränge gezogen und ineinandergedreht.

Gebogenes Probestück aus Eisen

Ralf Priess schweisst nach dem Biegen die zwei Halbkreise zusammen
Auf feinfühlige Weise lässt der Künstler mit dieser Plastik fundamentale Veränderungen, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts vollzogen haben anklingen und schafft vielfältige Bezüge zu den kunsttheoretischen Diskussionen dieses Jahrhunderts. Er knüpft an die Ästhetik und Atmosphäre, die Funktionen des Museums sowie die Architektur an.
Inspiration geben Ulrich Vogl oft Alltagsgegenstände, die als Massenware produziert werden. Er unterzieht diese Dinge meist nur minimalen Veränderungen. Mit dieser programmatischen Vorgehensweise, industriell Hergestelltes oder Vorgefertigtes zum Ausgangspunkt seiner Arbeiten zu machen, trifft der Künstler den Kern einer tiefgreifenden Veränderung, die sich im Laufe des 19. Jahrhundert vollzog: es ist die Industrialisierung und der mit ihr einhergehende Wandel der Arbeitsprozesse durch die Massenproduktion in Fabriken.
Vorbild für den Käscher ist ein sogenanntes Chinoise- oder Fondue-Sieb, das bei asiatischen Fondues benutzt wird. Vogl wechselt das Material, die Herstellungsmethode und natürlich die Dimension und verwandelt den kleinen unscheinbaren Gebrauchsgegenstand in eine grosse Plastik.
Die neue Dimension und der Materialwechsel von Edel- oder Chromstahl zu Schmiedebronze bedingen den Wechsel zu einer alten Handwerkskunst, die nur wenige Kunstschmiede heute noch beherrschen: das Ziehen, Formen und Drehen der Schmiedebronze erfordert Wissen, Kraft und Geschick. Der Künstler vollzieht im Kunstwerk eine Umkehrung der Entwicklung vom Massenprodukt zum handwerklich gefertigten Einzelstück. Er unterläuft in gewisser Weise den historischen Prozess und führt eine gegenläufige Bewegung ein.

Das Korbegeflecht entsteht durch Biegen und Flechten einzelner Stränge.

Auch ein «Tülltest» ist notwendig. Die unterschiedlichen Maschenweiten erzeugen eine je andere Farbintensität. Verschiedene Farbnuancen werden auf das Drahtgitter gesprüht.

Das ausgewählte Drahtgitter wird grob zugeschnitten und in Form gebogen.

Danach wird ausgemessen und anhand einer Schablone die endgültige Grösse definiert.

Das «Tüllkleid» nimmt Gestalt an.
Der Käscher ist im Hinblick auf seine Materialität ein Symbol für die auch heute noch aktuelle Diskussion der «Materialgerechtigkeit», wie sie besonders in der Architektur geführt wird. Im Fokus stehen aktuell Nachhaltigkeitsaspekte, Herstellungsprozesse und Wertigkeiten, ressourcenschonende und richtige Materialen sowie aufwandsarme Bauweisen und Gestaltungsformen.
Die Vorstellung des Schönen als einer «Zweckmäßigkeit ohne (konkreten) Zweck», wie Immanuel Kant in seiner Kritik der Urteilskraft formulierte, liegt dem Kunstwerk zugrunde. Auch im 19. Jahrhunderts – dem Jahrhundert des Stilpluralismus (vom Klassizismus und Romantik über das Biedermeier, den Realismus, Historismus, Impressionismus und Symbolismus hin zum Jugendsti, um nur die Wichtigsten zu nennen) – bleibt Kants Definition fundamental.

Zusammen mit Albert Bach und Dénes Braun von Metallbau Bach aus Eschenz setzten Ulrich Vogl und Christoph Wagner die Stange in die dafür vorgesehene Halterung im Fenster.

Ein erstes Foto bei bewölktem Himmel – dafür aber mit Schwalbe.
Der Käscher kann nichts fangen oder aufnehmen. Er ist umhüllt von einem zart rosa schimmernden Tüllkleid aus Maschendraht. Wie ein filigranes Gespinst legt sich eine Textur über die andere. Tüll und Käscher berühren sich kaum, alles ist leicht, schwebend und durchsichtig – zweckentfremdet und funktionslos. Auf gleiche Weise unterlegt der Künstler seinem Werk visuelle Nachbarschaften, Verwandtschaften und Anverwandlungen zwischen Kunstwerk und Fassade, zwischen Inhalt und Form, zwischen altem Handwerk, das im Haus gezeigt wird und ebenfalls altem Handwerk, das im Käscher zu bestaunen ist.

Die Einweihung des Kunstwerks beim 30-jährigen Jubiläum mit vielen Gästen!

Der Künstler wird bekränzt ...

Blick auf das Museum Lindwurm und den Käscher

Blick aus dem Museum Lindwurm auf den Käscher

Wer den Griff des Käschers berührt und sich dabei etwas wünscht, ist danach wunschlos glücklich.
Ulrich Vogl war von Februar bis März 2022 und von Mai bis Juni 2021 Artist in Residence im Chretzeturm der Jakob und Emma Windler-Stiftung.
Text: Helga Sandl
Bilder: Ulrich Vogl, Melanie Duchene