Jamie North
Stone in Three Phases – ein Skulpturengarten im Kulturhaus Obere Stube
Lebendige skulpturale Abtragung und Formwerdung – zwischen Industrie und Natur, zwischen Brachland und Kulturlandschaft nehmen die Skulpturen Stone in Three Phases eine Vermittlerinnenposition ein.

Jamie North in einem Kuhstall in Hemishofen bei Stein am Rhein bei der Produktion seiner Skulpturen für das Kulturhaus Obere Stube, 2022
Der in Newcastle, Australien geborene Künstler ist bekannt für seine grossformatigen Steininstallationen, die in Zusammenhang mit Konzeptkünsten, wie Land Art, Arte Povera und der japanischen Mono-ha Bewegung zu sehen sind.
«Meine Arbeit basiert auf der Beobachtung und Dokumentation, insbesondere von einheimischen Pflanzen und ihren Schnittstellen zur urbanen und industriellen Landschaft. Ich nehme geometrische Formen, die aus der Architektursprache abgeleitet sind, und verwandle diese in Skulpturen aus Beton und Gesteinsabfällen. Ich beobachte die Art und Weise, wie einheimische Pflanzen in der Lage sind, Nischen in unserer gebauten Umwelt zu nutzen – das kann ein Riss im Mörtel oder ein kaputtes Abflussrohr sein. Diese Überelebensstrategien und Prozesse bilde ich nach, indem ich innerhalb der skulpturalen Formen Grundlagen für Wachstum schaffe.» (Jamie North, 2021)
North erforscht auf künstlerischem Weg geomorphologische Prozesse. In allen drei Teilen der Installation Stone in Three Phases—Stone Field, Rock Suspension sowie Remainders—sind die Grundmaterialien Gesteine aus Stahlschlacke, einem Abfallprodukt aus der Stahlgewinnung.

Verarbeitung der Stahlschlacke


Norths Arbeit ist eine Rekreation von Lebensräumen für Pflanzen. Dabei beschleunigt er natürliche Prozesse wie Verwitterung sowie das Durchwässern der Schlacke auf künstliche Weise, um ein für Pflanzen geeignetes Milieu zu schaffen. Das Abfallprodukt Schlacke ist im Verständnis des Künstlers ein neues geologisches Material. Er selbst vergleicht seine Arbeit mit archäologischen Ausgabungen. Dabei legt er keine fremden alten Artefakte frei, sondern entdeckt in der Abtragung die Spuren seiner eigenen Entscheidungen wieder, die er während des Giessens traf. Erst durch die Wegnahme überflüssigen Materials wird aus der negativen Form eine positive.
Stone Field besticht auf den ersten Blick durch seine strenge Ordnung, die jedoch durch absichtsvoll gesetzte Unregelmässigkeiten aufgebrochen wird. Kleine Farne und Moose siedeln sich im brüchigen und porösen Material an. In Rock Suspension kehrt North den unterirdischen Weg des Wassers nach aussen. Die an einer Kette aufgefädelten Steine erinnern an die japanische Regenkette (kusari-toi). Remainders besteht aus einer Serie von Sphären, die der Künstler selbst gegossen hat. Die Sphären stehen sinnbildlich für die Vollkommenheit des Unvollkommenen.

Jamie North, Stone Field (2022), Kulturhaus Obere Stube, Stein am Rhein

Jamie North, Rock Suspension (2022)

Jamie North, Remainders (2022)
Vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen um den Klimawandel, versteht auch Jamie North den Klimawandel als «Hyperobjekt», im Sinne des Philosophen und Ökologen Timothy Morton. Hyperobjekte sind demnach Ereignisse, deren Ausmass die menschliche Fassungskraft übersteigen, da ihre Ausdehung und Wirkung über unser Verständnis von Raum und Zeit hinausgeht. Sie sind jenseits der Dichotomie von Natur und Kultur zu denken. Auf der Grundlage dieses radikal neu gedachten Verständnisses sind kulturelle Handlungen per se Natur. Norths künstlerische Herangehensweise setzt deshalb auch ein neues Verständnis von Mimesis voraus.1
Jamie North präsentierte seine 15-minütige Artidoku im Kulturhaus Obere Stube am 4. Oktober 2023. Der Film gewährt einen sensiblen Einblick in die über drei Monate andauerende Vorbereitung und Produktion der Skulpturen Stone in Three Phases in einem leeren Kuhstall in Hemishofen bei Stein am Rhein. Diese sind als dauerhafte dreiteilige Installation im Innenhof des Kulturhauses Obere Stube zu sehen.







Jamie North, Stone in Three Phases (2023), Film, 15 min.

Jamie North lebt und arbeitet in Sydney. Besonders in Australien und im englischsprachigen Raum finden sich seine Werke auch im öffentlichen Raum. Internationale Auszeichnungen und Residenzaufenthalte führten ihn u.a. nach Singapore, in die Türkei und in die USA. Erstmals ist der Künstler mit dieser dreiteiligen Arbeit auch in der Schweiz vertreten.
Während seines dreimonatigen Aufenthaltes in Stein am Rhein konzipierte und fertigte er die Installation als Artist in Residence im Chretzeturm und in einer Werkstatt in Hemishofen. Er verwendete dabei ausschliesslich einheimische Materialien und regionale Pflanzen, die er teilweise in der nahen Umgebung sammelte.
«Die grundlegende Frage ist, ob der Mensch als Teil der Natur zu betrachten ist. Ich vertrete den Standpunkt, dass der Mensch in der Tat ein Teil der Natur ist und dass unsere Kultur ein Ausdruck der Natur ist, ähnlich wie der Nestbau der Rauchschwalbe, der eine kulturelle Aktivität im Bereich der Natur darstellt.» (Jamie North, 2023)

Jamie North, Stone Field (2022), Kulturhaus Obere Stube, Innenhof, Stein am Rhein

Jamie North, Stone Field (2022), Detail
Jamie North war von Mai bis Juli 2022 Artist in Residence im Chretzeturm der Jakob und Emma Windler-Stiftung.
Text: Helga Sandl
Fotos: Roberta Fele
Stills: Film Jamie North
Siehe Timothy Morton: Hyperobjects: Philosophy and Ecology after the End of the World. Minneapolis: University of Minnesota Press, 2013; Timothy Morton: All Art is Ecological. Dublin: Penguin Books, 2021.