Ronit Porat
Auf der Suche nach neuen Archiven
Imaginäre Museen, Bilderbögenkonvolute und die Ikonizität von Kunstwerken – Wie enstehen idealisierte Frauenbilder?

Ronit Porat, Artist Meets Archives, 2019, Ausstellungsansicht
Die israelische Künstlerin Ronit Porat, geboren 1975 im Kibbutz Kfar Giadi im Norden Israels und in Tel Aviv ansässig, beschäftigt sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit der Thematik, wie Archive Geschichte entstehen lassen. Neueste Recherchen begann Ronit Porat während ihres Aufenthaltes in Stein am Rhein. Sie besuchte dazu das Archiv der Kartause Ittingen, in der sich der Nachlass des Malers Carl Roesch (1884–1979) befindet. Dort finden sich 210 sogenannte «Bilderbögen», die Carl Roesch anfertigte. Es handelt sich um Collagen, die zwischen den 1920er- und 1950er-Jahren enstanden. Dazu verwendete er Bildreproduktionen aus der Tagespresse, aus Ausstellungs- und Auktionskatalogen, Kunstzeitschriften und Broschüren. Roesch nutzte das damals neue Medium der Fotografie intensiv und erschuf eine Art individuelle Kunstgeschichte, die ihm als kultureller Fundus diente. Ähnlich dem Bilderatlas Mnemosyne (1925–1929) von Aby Warburg oder dem Imaginären Museum (1947) von André Malraux, ging es Roesch um historische Herleitungen, epochen- und länderübegreifende visuelle Analogien und vergleichende Bildanalysen. Auf seiner lebenslangen Suche nach der einfachen Form waren ihm seine Bidlerbögen ein gutes Hilfsmittel.

Carl Roesch, Bilderbogen 39, Entstehungszeit ca. 1923–1924

Carl Roesch, Bilderbogen 201, Entstehungszeit unbekannt
Ronit Porat sucht in ihren künstlerischen Arbeit diese Bezüge neu zu definieren und unser kulturelles Bildgedächtnis auch dadurch zu hinterfragen, indem sie auf die Grenzen des bildlich Überlieferten aufmerksam macht. Sie erschliesst mit ihrer Arbeit Archive des Unischtbaren, forscht nach nicht gelebten Geschichten, Orten ohne Erinnerung, nach den Leeräumen der Geschichte.

Ronit Porat, Lost Time (2014), Castrum Peregrini, Amsterdam
Das Konvolut von Carl Roeschs Bilderbögen wurde von 2018 bis 2019 aufgearbeitet und steht als Datenbank zur Verfügung: Carl Roesch – Bilderbögen
Ronit Porat war von August bis Oktober 2022 Artist in Residence im Chretzeturm der Jakob und Emma Windler-Stiftung.
Text: Helga Sandl
Bilder: Ronit Porat, Carl Roesch Datenbank